Home
Das Buch
Der Autor
Leseprobe 1
Leseprobe 2
Bestellung
Ausgewählte Links
Impressum

Auszug aus Marcus Khalils Roman Schwarze Seele
(geringfügig verändert)

   Valerie ging zum Fahr­stuhl. Es dauerte einen Moment, bis er kam. Dann öffneten sich die silbernen Türen des Aufzugs, und sie stieg ein. Die Türen schlossen sich. Sie war allein. Sie hatte auf E für Erdgeschoß gedrückt, und die Fahrt begann. 

  Etwas später stoppte der Lift. Valerie fuhr zusammen. Die Türen öffneten sich. Ein Mann mittleren Alters trat ein und rem­pelte sie an. "Oh, Entschuldigung, das wollte ich nicht", sagte er gleichgültig und lehnte sich an die gegenüberlie­gende Wand. Sein schwarzes Haar war leicht ergraut und ordentlich nach hinten gekämmt. Er trug einen dunkel­blauen zerknitterten Trenchcoat. Valerie musterte ihn ausführlich, meinte, ihn irgendwoher zu kennen. Es war ihr, als sei er ihr oft auf der Straße(?) begegnet. Der Mann starrte sie durchdringend aus kalten, starren, blauen Au­gen an.

  Er hatte die Hände in die Manteltaschen gesteckt. Valerie lief ein Schauer über den Rücken, ein Gefühl von Angst. Sie war diesem Mann sicher nicht begegnet, als sie gekommen war. Aber woher kannte sie ihn? Sie schaute zur Anzeigetafel des Aufzugs hinauf. Noch zwei Etagen, bei diesem alten Fahrstuhl dauerte das eine Ewigkeit. Der Mann zog langsam die Hände aus den Manteltaschen. Er trug Lederhandschuhe. Er gaffte sie immer noch unbe­weglich an. Sie versuchte seinem eisernen Blicken aus­zuweichen. Aber es ging nicht. Jedesmal fixierte er erneut ihre Augen. Sie überlegte, ob sie ihn ansprechen sollte. Doch das war ihr nicht möglich. Denn ihre Angst wuchs. Sie fühlte sich hilflos und ausgeliefert - war dieser Ort nicht ideal für ein Verbrechen? Neben dem Mann befan­den sich viele Knöpfe. Einer von ihnen diente dazu, den Lift anzuhalten. Er mußte nur die Hand ausstrecken, um den Schalter zu betätigen. Niemand würde etwas bemer­ken, niemand! Er blickte sie immer noch an. Sie über­legte, ob sie sich von ihm wegdrehen sollte. Dann könnte er sie nicht mehr anschauen, aber sie ihn auch nicht. Das hieße, sie würde sich ihm ausliefern. 'Was für ein Blöd­sinn', schoß ihr durch den Kopf. Sie hatte sowieso keine Chance gegen ihn. Er war wesentlich größer und vor al­lem kräftiger als sie. Er würde sie packen und...was? Was würde dann passieren? Sie schaute wieder zu der Anzei­getafel hinauf. Noch ein Stockwerk. Würde ER SIE ver­gewaltigen? Ausrauben? Töten? Alles nacheinander? Der Lift hielt mit einem Ruck an. Er mußte ihn ausgeschaltet haben. Er machte einen großen Schritt auf sie zu. Valerie drückte sich an die Wand. Doch da war kein Fluchtweg. SIE WAR IHM AUSGELIEFERT. Seine Lippen verzo­gen sich zu einem hämischen Grinsen. Plötzlich schien ihr das Ende so nah.

  Erst jetzt bemerkte sie, daß sich hinter ihr die Türen geöffnet hatten. Der Aufzug war angekommen, angekommen im Erdgeschoß, da, wo sie hin wollte. Sie verließ den Lift. Und der Mann eilte an ihr vorbei. Sie faßte sich an die Stirn. Da stand ihr Schweiß. Auch ihre Hände wa­ren naß. Valerie blieb stehen. Sie schloß die Augen. "Reiß dich zusammen", sagte sie sich leise. "Du darfst nicht die Nerven verlieren!" Dann gab sie sich das innerliche Ver­sprechen, das nicht zu tun. Sie würde niemals die Nerven verlieren.

  Sie schritt auf die Glastür zu, die nach draußen führte. Dort hatte es zu nieseln begonnen. Es war dämmerig, und der Himmel war von zahlreichen Wolken verhangen. Valerie haßte solches Wetter. Denn sie liebte die Sonne, den Frühling, in dem die Natur und viele Menschen zu neuem Leben erwachen, und den Sommer, heiße Nächte, in denen man heiße Dinge tun konnte. Auch richtiger Winter mit hohem Schnee konnte ihr nichts anhaben. Aber triste regnerische Tage verursachten bei ihr Depres­sionen. Glücklicherweise war es wenigstens warmer Frühlingsregen. Als sie hinaustrat, hob sie für den Bruch­teil einer Sekunde den Kopf und ließ es sich ins Gesicht regnen - ein Überbleibsel einer alten Gewohnheit. Früher, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie oft bei Regen die Zunge herausgestreckt, um die Tropfen des Wolkenbruchs zu trinken. Natürlich konnte sie nie ihren ganzen Durst stillen, da die meisten Tropfen an ihr vorbeirauschten. Aber es war schön gewesen. Sie hatte damals viel Spaß gehabt.

  Die Bushaltestelle war fünf Gehminuten von der Praxis entfernt. Unterwegs blieb sie kurz stehen und gab einem Obdachlosen eine Mark. Sie blieb immer stehen, wenn sie einen Bettler am Wegesrand sah. Doch heute brauchte sie das mehr als je zuvor. Er bedankte sich, und Valerie mar­schierte weiter. Ein großer schwarzer Rabe hockte auf einer Mülltonne und funkelte sie aus seinen düsteren Au­gen an. Valerie erschauerte. Und als sie an ihm vorbeilief, krähte er, als wollte er ein Unheil ankündigen. Dann er­reichte sie die Fußgängerampel. Sie brauchte den Schalter nicht betätigen, weil schon andere Passanten darauf war­teten, daß es grün würde. Und es wäre doch ein Witz, wenn nicht einer von ihnen gedrückt hätte, oder? Eigent­lich hielt sie nichts davon, an einer Ampel zu warten, rannte einfach los, wenn sich kein Auto näherte. Aber heute war es anders. Heute war vieles anders...

  Die Ampel sprang auf grün. Valerie und die anderen Leute überquerten die Straße, um dann auf einer Ver­kehrsinsel auf die nächste Geherlaubnis zu warten.

  Von einem auf den anderen Moment wandelte sich ihr Gefühl der Erleichterung in erneute Angst. Wenige Meter von ihr entfernt stand der dunkelhaarige Mann mit dem Trenchcoat. Er starrte sie einen Augenblick durchdrin­gend an. Dann tat er so, als hätte er sie nicht bemerkt, und widmete seine Aufmerksamkeit der Ampel auf der ande­ren Straßenseite, die gerade auf grün sprang. Valerie überlegte, woher sie diesen Mann kannte. Verfolgte er sie? Und wenn, was wollte er von ihr? Warum hatte sie solche Angst vor ihm? Sie hatte keine Zeit, um über so was nachzudenken. Sie mußte über die Straße gehen. Während sie das tat, war sie für Sekunden von Mr. Trenchcoat abgelenkt. Als sie auf der anderen Seite ange­kommen war, sich nach ihm umschaute, war er ver­schwunden. Es schien, als habe er sich in Luft aufgelöst! Mais strich sich verwundert durch das braune Haar. Was sollte es, vermutlich wollte er gar nichts von ihr. Ihre Be­gegnungen waren Zufälle gewesen. Und der Mann hatte sich beeilt, irgendwo hinzukommen. Sie schaute die Straße hoch und runter. Sie verlief lange in beide Rich­tungen gerade. Da waren keine Seitenstraßen oder Hauseingänge, sondern ein kleiner Arm der Weser floß dort entlang. Es war völlig unmöglich, so wie er es getan hatte zu verschwinden, es sei denn, er wäre in den Fluß gesprungen. Es wurde doch niemand vom Erdboden ver­schluckt. Valerie beschloß, sich nicht damit auseinander­zusetzen. Sicher gab es dafür eine logische Erklärung, und es sollte ihr scheißegal sein, wie diese lautete.

  Der Bus kam. Sie betrat ihn mit zehn anderen Menschen, die den überfüllten Wagen fast zum Platzen brachten. Doch das Glück schien ihr hold zu bleiben. Sie ergatterte einen Sitzplatz. Es war sogar einer am Fenster. Valerie hatte die Erfahrung gemacht, daß es in überfüllten Bussen das Beste war, den Blick einfach aus dem Fenster schwei­fen zu lassen und das Umfeld zu ignorieren. Sie versuchte es. Die Fahrt begann. Eine alte Frau, die Tüten verschie­dener Kaufhäuser mit sich führte, setzte sich neben sie. Valerie fielen der Pelzmantel der Frau auf und die Pelz­mütze auf ihrem Kopf. 'Der Gipfel der inhumanen Perver­sion', dachte sie. Davon abgesehen stand sie der Alten wirklich kein bißchen. Valerie haßte Menschen, die stolz das Fell oft zu Tode gequälter Tiere trugen, das Fell von Tieren, die hilflos und nicht selten vom Aussterben be­droht waren. Gewöhnlich hätte sie sie auf ihre Kleidung angesprochen. Doch heute kam sie sich zu matt vor, ob­wohl es ihr jetzt besonders naheging.

  Bald stieg die Frau aus und mit ihr viele andere Leute. Valerie nicht. Sie schaute aus dem Fenster. Es regnete immer noch. Das Unwetter hatte sich sogar etwas ver­schlimmert. Auf den Bürgersteigen waren viele Menschen mit Regenschirmen oder Kapuzen zu sehen; andere hatten wie Valerie die Möglichkeit eines Wolkenbruches nicht bedacht und ärgerten sich oder stellten sich unter. Manche rannten den Bürgersteig entlang und erinnerten sie vage an tollwütige Affen. Die meisten Autos fuhren mittler­weile mit eingeschalteten Scheinwerfern, da sich die Dämmerung in Dunkelheit verwandelte. Die Straßenlater­nen begannen zu flackern. Langsam wurden sie heller, um letztlich zu ihrer vollen Leuchtkraft aufzulaufen.

  Valerie lief ein Schaudern über den Rücken. Deutlich spürte sie, daß sie jemand beobachtete. Nicht nur beo­bachtete, sie förmlich beglotzte, und sie wußte auch, daß es keine Blicke der Bewunderung waren. So fühlte sich die Aufmerksamkeit eines interessierten Jungen nicht an. Nein, ihr Beobachter schien sie zu hassen. Sie ahnte, wer es war, doch wollte es nicht wahr haben. Sie versuchte nicht hinzusehen, probierte so zu tun, als wäre da nichts. Aber sie konnte es nicht. Valerie wandte sich vom Fenster ab und schickte ihren Blick auf die Suche nach ihm. Dort stand er, wenige Meter von ihr entfernt. Er war es, der Mann aus dem Aufzug, Mr. Trenchcoat. Sie wollte auf­springen und wegrennen. Doch gleichzeitig wurde ihr klar, daß das unmöglich war. Sie war in diesem Bus wie gefangen. Er starrte sie kalt, geradezu irre an.

  Eigentlich war sie im Bus ziemlich sicher, bloß dieser Mann schien ihr zu folgen, und dabei war er so geschickt wie ein Geist. Immer wenn sie glaubte, ihn abgehängt zu haben, tauchte er wieder auf. Immer wieder! Immer wie­der wie aus dem Nichts! Sie wollte laut um Hilfe schreien. Aber was hätte sie sagen sollen? "Hilfe! Hilfe! Da ist ein Mann, vor dem ich Angst habe!"? Verfolgte er sie? Oder wurde sie verrückt? Valerie zwang sich, aus dem Fenster zu schauen, versuchte, sich auf die vorbeirasende Land­schaft zu konzentrieren - vergebens. Obwohl Mr. Trench­coat aufgehört hatte sie anzustarren und statt dessen seine Schuhe beäugte, verursachte er bei Mais Ängste nie ge­kannten Ausmaßes. Todesängste.

  Der Bus hielt abermals. Und sie überlegte, ob es nicht das Beste sei auszusteigen, davonzulaufen. Doch er würde ihr sicher folgen, bis sie in irgendeine verdammte kleine dunkle Gasse käme. WAS WÜRDE ER DA MIT IHR MACHEN? Außerdem wartete daheim ihre Mutter auf sie, und sich endlose Vorträge oder gar Verdächtigungen anhören zu müssen, lag nicht in ihrem Interesse. Jetzt hatte der Fahrer ihr die Entscheidung abgenommen, die Türen schlossen sich, und der Bus fuhr weiter. Beim nächsten Halt stieg der Mann, der hinter ihr gesessen hatte, aus. Langsam wurde der Bus leerer. Es hatte aufge­hört zu regnen. Eigentlich war es lustig zu beobachten, wie die Menschen nacheinander ihre Regenschirme zu­klappten oder ihre Kapuzen abnahmen und dann ihren Weg fortsetzten. Ihr war allerdings nicht nach Lachen. Sie hatte die Beobachtung von Mr. Trenchcoat wieder aufge­nommen, und er glotzte zurück. Auf einmal machte er einige große Schritte auf sie zu. Valerie brach fast in Pa­nik aus. Er setze sich auf den Platz hinter ihr, ein furcht­bares Gefühl, ihn hinter sich zu haben. Jeden Augenblick rechnete sie damit, eine Pistole oder dergleichen in den Rücken gerammt zu kriegen. Doch noch geschah nichts. Aber sie hörte ihn atmen, ja, spürte seinen Atem sogar im Nacken. Gleich würde er die Hand ausstrecken und sie berühren. Er sollte verschwinden. Das war so furchtbar. Sie ertrug das nicht länger. Wann hörte es endlich auf? Es sollte doch nur aufhören. Was war eigentlich mit ihr los? Sie war doch sonst nicht so schreckhaft. Hatte es was mit ihrer Therapie zu tun? Mit Steffan? Der Bus hielt. Sie mußte raus. Aber wenn sie jetzt ausstieg, würde...würde er ihr folgen und sie in eine dunkle Ecke ziehen...!

  Sie mußte es riskieren. Schließlich war sie, selbst wenn sie bis zur Endstation fuhr, gezwungen, den Bus zu ver­lassen. Und dann wäre sie noch dazu in einer fremden Umgebung. Valerie stieg aus. Und dieses Mal folgte er ihr nicht.

  Als sie zu Hause eintraf, wunderte sich ihre Mutter, daß es so flott gegangen war. Valerie reagierte mit einem Schulterzucken, das eine Mischung aus Verwirrung und Verlegenheit repräsentierte. Als sie den Eindruck gewann, etwas sagen zu müssen, meinte sie: "Ging halt schnell."

to Top of Page