Auszug aus Marcus Khalils
Roman Schwarze Seele (geringfügig verändert)
Sie hatte tief und fest geschlafen. Doch dann war sie scheinbar grundlos
aufgewacht. Draußen war es finsterste Nacht. Sie hatte die Arme hinter ihrem
Kopf verschränkt und starrte in die Dunkelheit. Der Radiowecker zeigte 3 Uhr 30
an. Warum war sie nur aufgewacht? Sie erinnerte sich nicht einmal vage an einen
Traum, der für ihr Erwachen hätte verantwortlich sein können, oder...war es
ein Geräusch gewesen? Ein Einbrecher? Sie entsann sich keines Lauts. Doch das
tat man selten, wenn man durch ein einmaliges Geräusch dem Schlaf entrissen
wurde. Es war still im Haus. Irgendwo stand ein Fenster offen, und sie vernahm
leise den Motor eines vorbeifahrenden Autos. Dann war wieder Stille. Stille.
Stille...
Die bedrohliche Vorstellung, es könne jemand neben ihrem Bett sitzen und
gleich über sie herfallen, machte sich in ihr breit. Auf einmal hatte sie
Angst. Ihr Herz raste. Ihre Hände waren ja ganz feucht. Verdammt, sie hätte
schon längst ihren Stolz überwinden und sich eine Nachtlampe anschaffen sollen!
Dunkel, warum war es so dunkel? Sie tastete nach dem Lichtschalter, fand und
drückte ihn. Sie sah sich um: niemand war da. Valerie schaltete die Lampe
wieder aus und ließ sich in ihre Kissen zurückfallen. Sie schloß die Augen und
versuchte, zu schlafen. Bald wurde ihr Atem immer ruhiger und gleichmäßiger.
Der Schlaf war greifbar nahe. Doch gerade, als sie sich zur Seite rollte, um
die schützende Embryonalhaltung einzunehmen, die sie seit Steffans Tod immer
öfter, während sie schlief, bezog, brach ein leises Geräusch die Stille. Um sie
war nur Dunkel, als sei sie allein auf der Welt...allein mit dem Geräusch, das
so gleichmäßig und leise war. Weil es so leise war, glaubte sie erst, es sei
eine Einbildung. Aber je länger es andauerte, desto mehr gelangte sie zu der
schaurigen Gewißheit, daß es real sein mußte. Es war wirklich kaum hörbar, als
gleite etwas über einen Gegenstand hinweg oder... Sie erkannte das Geräusch, es
war das von Benjamins Playmobil-Eisenbahn. Aber spielte ihr 9jähriger Bruder
um 3 Uhr 39 mit seiner Spielzeugbahn? Sie starrte wieder in die Finsternis, und
jene Neugier, die einen in dem Moment, da der Horrorfilm am schlimmsten ist,
durch die Finger der vorgehaltenen Hand schauen läßt, trieb sie dazu aufzustehen.
Ihr Herz klopfte. Sie schaltete abermals die Nachttischlampe an und schwang
sich aus dem Bett. Das Licht spiegelte sich auf ihrem kurzen, beigen Nachthemd
wider. Sie öffnete die Tür ihres Zimmers, trat auf den Flur und verzichtete
darauf das Licht einzuschalten, da ihr die spärliche Helligkeit, welche durch
die geöffnete Tür ihres Zimmers drang, genügte. Sie hörte jetzt das Geräusch
der Bahn deutlicher. Widerwillig ging sie durch den fast dunklen Flur auf die
Zimmertür Benjamins zu. Als sie vor ihr stand, fiel ihr ein, daß er vermutlich
auf dem Boden sitzen würde, um sie mit seinem neuen Spruch "Hi,
Schwesterchen" zu begrüßen. Warum hatte sie solche Angst, in das Zimmer
ihres Bruders zu gehen? Sie nahm sich zusammen und drückte die Türklinke
runter. Als sie die Tür öffnete, offenbarte sich ihr fast das erwartete Bild:
die Spielzeugbahn mit den ca. 10 cm hohen und 15 cm langen Waggons rollte
beständig auf dem Schienenkreis herum. Die Lokomotivenlampe verbreitete ein
schauriges Licht im Raum ihres Bruders...ihr Bruder - er lag fest schlafend in
seinem Bett. Es hatte wirklich nicht den Anschein, er täte nur so.
'Merkwürdig', dachte sie. Sein rechter Arm hing aus dem Bett, vielleicht hatte
er im Schlaf den Trafo eingeschaltet. Wie auch immer, Valerie ging entschlossen
auf den Trafo zu und stellte ihn aus. Jetzt war Ruhe! Erleichtert machte sie
hinter sich die Tür zu, ging auf die Tür ihres Zimmers zu, und gerade, als sie
hindurchgehen wollte, hörte sie, wie die Bahn wieder zu fahren begann, und dann
noch ein Geräusch, das sie nicht identifizieren konnte. Schlief Benjamin doch
nicht? Spielte er ihr einen Streich? Aber sie hätte ihn aufstehen oder sich
zumindest im Bett bewegen hören müssen. Sie lief zu seinem Zimmer zurück,
öffnete die Tür und erblickte die fahrende Eisenbahn, neben der der Spielzeugroboter
mit seinen roten Augen hertaperte. 'Fast ein boshaftes Rot', fand sie. Der
Roboter richtete seine Plastikpistole auf sie und sagte mit mechanischer
Stimme:
"Spiel mit mir!"
Sie erschrak. Dann fiel ihr ein, daß er das immer tat; es gehörte zu
seinen Grundfunktionen. "Kleiner", flüsterte sie.
Keine Antwort.
Sie kniete sich neben sein Bett und wackelte kindisch mit der Hand vor
seinen Augen herum. Er reagierte nicht. Denn er schlief. Wie war das möglich?
Sie schaltete die Geräte wieder aus und nahm aus dem Roboter die Batterien
raus, zog den Stecker des Trafos aus der Dose. Sie schloß noch mal die Tür und
kehrte in ihr Zimmer zurück, machte da die Tür zu, ergriff unterwegs ihren
Kuscheltiger, preßte ihn fest an die Brust, als sie in ihr Bett kroch, und
legte die Batterien auf den Nachttisch, löschte das Licht.
Es war Ruhe. Doch sie grübelte über die Sache nach. Vielleicht hatte
Benjamin ihr wirklich nur einen Streich gespielt. Unsinn, dazu war er viel zu
brav! Ging das hier nicht mit rechten Dingen zu? Oder hatte sie nur
Verfolgungswahn? Sie hatte Angst, es war ja auch so dunkel. Glaubten die alten
Ägypter nicht, nachts regiere der böse Gott Seth, und es sei immer wieder ein
Sieg des Guten, wenn die Sonne aufgehe, denn dann, am Tage, beginne die Herrschaft
des edlen Gott Horus?
Stille. Stille. Stille.
Beinah schlief sie ein. Ein Auto fuhr vorbei. Doch gleich war es wieder
ruhig. Plötzlich glaubte sie, ein Lachen zu hören, ein gespenstisches Lachen.
Dann ging es wieder los:
Sie hörte die Bahn abermals fahren und den Roboter mit mechanischer
Stimme seinen Lockruf künden: "Spiel mit mir!" Valerie schaltete das
Licht wieder ein und sah, vor Schreck erbleichend, daß die Batterien von ihrem
Nachttisch verschwunden waren. Niemand konnte sie gestohlen haben. Das hätte
sie doch gehört! Sie waren einfach weg.
Sie ging noch mal in Benjamins Zimmer und sah dasselbe wie vorher.
"Spiel mit mir!"
Ängstlich lief sie weg ohne die Spielsachen auszuschalten. Wozu auch?
Erst spät in der Nacht trat urplötzlich Ruhe ein, und irgendwann schlief
Valerie ein.